Wenn die Lyrikerin einen Roman schreibt

Die Sprache hat sie verraten! Während der Lektüre des Romans „Das Paprikaraumschiff“ werden die Leser*innen schnell feststellen: Dieser Text stammt aus der Feder einer Poetin. Die Lyrikerin Katharina Eismann hat ihr erstes Prosawerk unter dem Titel „Das Paprikaraumschiff“ veröffentlicht – und das mit einer sprachlichen Wucht, die beim Lesen keine größeren Pausen erlaubt.

Es geht um das rumänische Banat, um die multikulturelle Stadt Temeswar, es geht um die Ceausescu-Diktatur, um Deutschland, es geht um Hessen, um das Ankommen aber vor allem geht es um das Zwischenmenschliche und dessen Auswirkungen auf das Erwachsenwerden. Ohne die Ereignisse zu verschönern baut die Ich-Erzählerin ihre Geschichte  um die Auswanderung aus einem Land, das die eigentliche Heimat war – weil man eben keine andere kannte, aber plötzlich fremd geworden ist – in ein anderes Land, das einem fremd ist aber die neue Heimat sein sollte und nach Auffassung Einiger dies schon immer war. Die Erzählerin beschreibt dieses Gefühl folgendermaßen:

„Zum Grenzbahnhof nach Arad, auf ins Land der Dichter und Denker, ins Land der abgepackten goldgelben Hochzeitsnudeln, den alten Gefühlsteufel im Nacken. Mit sofortiger Wirkung Emigranten nach sechzehn Jahren Lethargie.“ (Das Paprikaraumschiff, Seite 92)

Der Roman besteht aus sieben Kapiteln. In jedem Kapitel weisen die oft kleinen Abschnitte große Zeitsprünge auf, die Kindheitserinnerungen aus den siebziger Jahren in Temeswar und das Leben in Deutschland in den Zweitausender Jahren sowie die Ausreise und die späteren Besuche nach Rumänien werden in den einzelnen Kapiteln miteinander vermischt erzählt. Diese einzelnen Fragmente lassen sich zum Schluss zu einem Ganzen zusammenführen.

Der Roman ist aber auch eine Art Dokumentation, die Niederschrift einer vom Aussterben bedrohten Varietät der deutschen Sprache, des Donauschwäbischen. So werden im Geschriebenen Wörter wie Kerich, Bezikel, schwowisch, Paradeis oder Zecker für immer festgehalten. Gekonnt setzt die Autorin diese an der richtigen Stelle ein und kombiniert sie mit der modernen deutschen Sprache, so dass es für die Leser*innen keine besonderer Anstrengung bedarf, um zu verstehen was diese „Fremdwörter“ bedeuten. Gleichzeitig tauchen auch Elemente aus anderen Sprachen auf: aus dem rumänischen, serbischen, ungarischen und dem Temeswarer Dialekt. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht, ein Paradies für Forscher*innen.

Eine weitere, politische Dimension des Romans sei noch erwähnt: Es geht auch um die Kritik an Europa, an der immer größer werdenden Kluft zwischen arm und reich:

 „Globalisiertes Europa, prall gefüllt mit Billigware…es rattert im Hinterkopf. Dahinter Brachen, Kindheit, Landschaften. … Hütten aneinander geklebt wie Kätzchen unter einer Decke. Opat ist eine Schneeminiatur.“ (Das Paprikaraumschiff, Seite 145)

An Humor fehlt es im Paprikaraumschiff ebenfalls nicht:

„Wie te aldi Marschanklehre gstorb is, hot te Parre gsacht:  Ti gude gehen zuerst. Tan hot te Telschel Matz me uf te Fuss getreht: Peder, to sei me noch lang nit an de Reih!“  (Das Paprika- Raumschiff, Seite 51).

(„Als der alte Marschank-Lehrer starb, sagte der Pfarrer: Diie guten gehen zuerst. Dann trat der Teltschel Matz mir auf den Fuß: Peter, da sind wir noch lange nicht an der Reihe!“)

Alles in Allem: eine lesenswerte Lektüre!

Edina Covic-V.

Das Paprikaraumschiff: ISBN: 3946046185
Danube books Verlag

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